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Maifelder Thesen zum Sonntag

Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest

– Maifelder Thesen zum Sonntag –

Das Presbyterium wendet sich gegen die Tendenz in unserer Gesellschaft, den Sonntag als herausgehobenen Tag der Woche verschwinden zu lassen. Es sieht in Sonntagsarbeit, verkaufsoffenen Sonntagen und anderem eine Aushöhlung von Gottes Gebot und damit auch einen Angriff gegen ein grundlegendes Menschenrecht.


Die folgenden Thesen sollen unsere Haltung untermauern:

1) Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbat und heiligte ihn. (Ex 20,11)

Die regelmäßige Ruhe ist nach der Bibel ein wesentlicher Bestandteil der Schöpfung. Der für alle Menschen in einer Gesellschaft geltende gemeinsame Ruhetag in der Woche ist ein für menschliche Gesellschaften unverzichtbares Geschenk. Ausschlafen, Ausruhen, einmal in der Woche eine Auszeit genießen, das macht unser Leben lebenswert.

Wir wenden uns gegen die falsche Gewohnheit, den Lärm, die Hektik und die Ruhelosigkeit des Arbeitslebens und der Wochentage mit auf den Sonntag zu übertragen und so den Sonntag zu einem von den anderen Tagen nicht unterscheidbaren Tag zu machen.

2) Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht der Fremdling, der in deiner Stadt wohnt. (Ex 20,10)

Die regelmäßige Arbeitsruhe gemeinsam mit allen Menschen in der Gesellschaft ist eine wichtige Bedingung und damit die Ermöglichung von Gemeinschaft. Der Sonntag bietet unverzichtbare Zeit für Freunde, für Familie, für Gottesdienste, für gemeinsames Nachdenken.

Wir wenden uns gegen die fortschreitende Tendenz zur Individualisierung in unserer Gesellschaft. Diese wird durch verkaufsoffene Sonntage weiter vorangetrieben. Statt tatsächlicher Begegnung zwischen Menschen tritt hier der äußere Schein von Gemeinschaft.

3) …auf dass dein Knecht und deine Magd ruhen gleich wie du. Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der Herr, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm. (Deut 5,14+15)

Die regelmäßige Arbeitsruhe gemeinsam mit allen Menschen in der Gesellschaft ist erst die Ermöglichung von Freiheit. Sie schafft einen Freiraum für alle Menschen, den sie selbstbestimmt und ohne Zwang gestalten können.

Wir wenden uns gegen die fortschreitende und selbstverständliche Ausweitung der Sonntagsarbeit. Die Zwänge der Wochentage werden so auf den Sonntag übertragen.

4) Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen. Freuet euch und seid fröhlich über das, was ich schaffe. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. (Jes 65,17.18.21)

So wie unsere jüdischen Geschwister den Sabbat verstehen wir den Sonntag als zeichenhafte Vorwegnahme des Friedens, den Gott uns versprochen hat. Dies drückt sich in den Aspekten Ruhe, Gemeinschaft, Selbstbestimmung und Freiheit aus. Die Feierlichkeit unseres Tuns am Sonntag weist uns darauf hin.

Wir wenden uns dagegen, dass die Sachzwänge des Alltags den Sonntag verändern. So wird für uns die Feier des Lebens, die für uns unverzichtbarer Glaubens- und Lebensinhalt ist, geschmälert oder sogar verhindert.

Im Februar 2009

Das Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Maifeld

Maifelder Thesen zum Verhältnis zwischen Christen und Juden

Als evangelische Christen auf dem Maifeld sind wir stolz darauf, dass unsere Kirche schon 1980 einen Beschluss „zur Erneuerung des Verhältnisses zwischen Christen und Juden“ gefasst hat und diesen 2005 ausdrücklich bestätigte. Nach ausführlichen Gesprächen haben wir Thesen zu unserem Verhältnis zu unseren jüdischen Geschwistern formuliert. Sie sollen uns in unseren Beziehungen vergewissern und leiten und stehen auf der Grundlage dessen, was viele vor uns schon gedacht und formuliert haben:

1) Wir Christen beten mit den Juden den gleichen Gott an.

Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist auch der Gott und Vater Jesu. Das Volk Israel wurde als erstes von Gott erwählt. Durch den Juden Jesus sind Menschen aus anderen Völkern und damit auch wir als die jüngeren Geschwister im Glauben hinzugekommen. Wir sind durch Jesus Christus auf Dauer mit dem Volk Israel verbunden.

2) Wir Christen müssen die bleibende Erwählung des Volkes Israels durch Gott bekennen.

Dass Juden anders zu Jesus stehen als wir Christen, darf nicht in christlicher Sicht dazu führen, ihnen ihre Erwählung und ihr besonderes Gottesverhältnis abzusprechen. Eine christliche Mission unserer jüdischen Geschwister schließen wir aus.

3) Wir Christen stützen uns mit den Juden auf die Autorität der Bibel.

Mit Israel haben wir die Bibel als Gottes Wort empfangen (die Juden nennen sie „Tenach“ und wir Christen das „Alte Testament“). Im Wissen darum, dass Juden und Christen sie z.T. anders auslegen, auch dass wir Christen das „Neue Testament“ als zusätzliche Offenbarung Gottes anerkennen, dürfen wir mit den gemeinsamen Texten nicht enteignend umgehen.

4) Wir Christen erkennen mit den Juden die überragende Wichtigkeit von Gottes Weisung, seiner Thora, an.

Im Zentrum der Weisung Gottes steht die Bemühung um die unveräußerliche Würde und Heiligkeit des Menschen. Mit Israel sehen wir in Gottes Thora und seinen lebensermöglichenden Weisungen die Gute Nachricht Gottes, sein Evangelium: Er liebt uns und traut uns viel zu.

5) Wir Christen erwarten mit den Juden einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt.

Unsere Ausrichtung auf eine heilvolle Zukunft sollte eine gemeinsame Besinnung auf die Aufgaben und Chancen der Gegenwart hervorbringen. Juden und Christen müssen sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen.

6) Wir Christen bekennen den Staat Israel als Zeichen der Treue Gottes.

Wir Christen wissen, dass das Land Israel den Juden als Zentrum des Bundes zwischen ihnen und Gott verheißen wurde und erkennen die zentrale Bedeutung der Errichtung des Staates im gelobten Land an. (Wir dürfen unsere Geschwister daran erinnern, dass Gott gegenüber allen Nichtjuden, die im Staat Israel leben, Gerechtigkeit gebietet.)

7) Wir Christen erkennen die christliche Mitverantwortung und Schuld an den Verbrechen in den Zeiten des Nationalsozialismus und sehen die Trauer mit unseren jüdischen Geschwistern und den Kampf gegen jeden Antisemitismus als unsere Aufgabe an.

Ein kritischer Umgang mit den antisemitischen Tendenzen im Neuen Testament gehört ebenso dazu wie die Auseinandersetzung mit eingefleischten antisemitischen Stimmungen im Gemeindealltag (der „heuchlerische Pharisäer“ oder das „grausame Alte Testament“). Im Gedenken an die „Schoa“, an den Völkermord im Nationalsozialismus und in der Trauer finden wir mit unseren jüdischen Geschwistern zusammen.

8. Für uns Christen ist es unverzichtbar, mit unseren jüdischen Geschwistern im Gespräch zu bleiben.

Dabei spielt die Achtung voreinander und der Wunsch, Vertrauen zu gewinnen, eine besondere Rolle. Wir können voneinander lernen, uns gegenseitig weiterbringen und auch kritisieren, ohne das jeweils Eigene zu verlieren. Wir halten die Unterschiede in unserem Verständnis von Jesus (Prophet oder Messias) und in unserer Rede von dem einen Gott (ein Gott oder drei in einem) aus.

Unterwegs zu einer ökumenischen, prophetischen und diakonischen Gemeinde

Der „Wetzkopp“ ist ein schwerer Steinhammer der Mayener Steinhauer. Unter diesem Namen gaben wir über viele Jahre Texte heraus, die wir gefunden und selbst geschrieben hatten, Predigten, Bibelarbeiten, Aufsätze: von Dorothee Sölle, Luise Schottroff, Karl Barth, Philipp Potter, Georges Casalis und vielen anderen Müttern und Vätern von Kirchengeschichte und Ökumene. Sie waren oft zugespitzt und parteiisch, riefen Unbehagen und Widerstand hervor. Der abgedruckte „Wetzkopp Nr. 25“ von Günter Reese erlebte vier Auflagen. Er war Pflichtlektüre in unseren Seminaren und biblischen Grundkursen.[Gernot Jonas]

Kopf der Protestzeitschrift Wetzkopp

Günter Reese: Unterwegs zu einer ökumenischen, prophetischen und diakonischen Gemeinde

– EINE BIBLISCHE PERSPEKTIVE –

Ist mein Wort nicht wie ein Hammer,
der Felsen zerschmeißt ? spricht der Herr.
JEREMIA 23,29

Was ist die Kirche? Nach dem, wie sich die Kirche heute gibt, ließe sich folgende Antwort denken: Die Kirche ist die Organisation der Christen. Christen sind aber sehr verschiedene Menschen, mit unterschiedlichen Auffassungen und Einstellungen. Vor allem gehen ihre Erwartungen an die Kirche auseinander. Aufgabe der Kirche sollte es darum sein, die Christen zusammenzuhalten. Sie muß jedem das Gefühl geben, er oder sie gehöre dazu, und nach Möglichkeit jeden in der Kirche das finden lassen, was er oder sie sucht. Dieses Konzept wird oft mit großer moralischer Gebärde vorgetragen. Die die Kirche in Atem haltende Frage lautet: Wie gehen wir miteinander um?

Trotzdem sind Streit und unschöne Auseinandersetzungen an der Tagesordnung. Dann ist man bemüht, Streit zu vermeiden, indem man die brisanten Fragen ausläßt und den kleinsten gemeinsamen Nenner sucht. Das führt jedoch schnell zu der ebenso oft beklagten Belanglosigkeit kirchlichen Lebens. Streit oder Belanglosigkeit – beides stößt Menschen ab. Vielen bietet die Kirche das traurige Bild endloser Streitigkeiten oder tödlicher Unerheblichkeit.

Dies wird sich kaum ändern, wenn es die Kirche um ihres Zusammenhaltes willen weiterhin unterläßt, sich vom Wort Gottes, also von ihrem Grund und Zentrum her zu fragen, was ihr Wesen und ihr Auftrag ist. Es hätte nie eine Reformation und nie eine Bekennende Kirche gegeben, wenn die Kirche sich nur formal als Organisation von Christen verstanden oder „Toleranz“ als Verzicht auf die Wahrheitsfrage vertreten hätte. Als das Volk Gottes ist die Kirche nicht frei, sich aus der Summe ihrer Mitglieder und deren Vorstellungen heraus zu verstehen. Wesen und Auftrag der Kirche stehen nicht zur Disposition. Auch wenn sich die Kirche aus nichts anderem als nur den Mitgliedern zusammensetzt, darf sie sich, wenn sie Kirche des Jesus Christus sein will, nicht an den Mitgliedern orientieren. Die Kirche ist dem einzelnen Christen vorgegeben.

Es ist leicht, die Kirche zu kritisieren und ihr ihre eigene Theorie vorzuhalten, der eine so mäßige Praxis gegenübersteht. Es ist noch leichter, dieses jedem offensichtliche Mißverhältnis zu verklären oder zu verharmlosen. Dann verdirbt die mangelhafte Praxis auch noch die Theorie. Es bleibt keiner Generation erspart, Jeweils für ihre Zeit neu zu bekräftigen, was Wesen und Auftrag der Kirche ist, und dies in Vertrauen und Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes in Praxis zu überführen. Was ist die Kirche? In unserer Gemeinde sind wir dabei, eine Perspektive zu entwickeln, die zu mehr Klarheit und Substanz und damit größerer Einheit im gemeindlichen Leben führen soll. Uns leitet die Vision einer „ökumenischen, prophetischen und diakonischen Gemeinde“. Was ist damit gemeint?

EINE ÖKUMENISCHE GEMEINDE

Zu den von altersher in Geltung befindlichen Merkmalen der Kirche gehört ihre „Katholizität“ (aus dem Griechischen für „die ganze Erde umfassend“). Die Kirche des Jesus Christus ist wesenhaft universal, internationalistisch. Die Bibel handelt ja von der Geschichte Gottes mit der Welt. Er ist ihr Schöpfer und Erlöser. In dieser Geschichte hat die Kirche eine wichtige Aufgabe. Sie soll mit ihren Horten, ihrem Tun und ihrem Leben Gott als den Schöpfer und Erlöser der Hell bezeugen. Die Kirche ist also auf die Welt bezogen. Darum sagt Jesus in der „Missionserlaubnis“, die er seinen Jüngern gibt: „Geht hin in alle Welt!“ (Matthäus 28,19) Die Jünger sollen seine Zeugen sein „bis an die Enden der Erde“ (Apostelgeschichte 1,8). Jesus Christus, so heißt es später im Epheserbrief, erfüllt die ganze Welt mit seinem Leib (Epheser 1,23). Die Kirche kann nur weltweit Kirche sein, oder sie ist nicht die Kirche des Jesus Christus. Das meinen wir, wenn wir sagen, daß wir eine ökumenische Gemeinde sein sollen. Wir entfalten dies unter drei Gesichtspunkten.

1. Eine ökumenische Gemeinde kann nicht mehr provinziell sein

Eine Kirche oder Gemeinde ist provinziell, wenn sie sich nur um ihre Belange, ihren Fortbestand, ihr Glaubensleben oder ihre eigenen Mitglieder kümmert. „Was gehen uns die andern an?“ heißt es dann, oder: „Haben wir nicht bei uns genug Probleme?“ Oder es werden Millionen auf die hohe Kante gelegt, um eventuelle spätere Engpässe zu meistern, während woanders das Nötigste fehlt. Eine Kirche oder Gemeinde ist provinziell, wenn sie ihre jeweilige Erfahrung und Situation zum Maßstab dessen macht, was in der Kirche überhaupt gelten soll. Dann wird in unserem Land eine Theologie, die die Überwindung von Hunger, Armut und Unterdrückung umfaßt, als „politisch“ abgetan. Warum? Weil es den Wortführern dieser Ablehnung gut geht, weil ihre Kinder nicht hungrig zu Bett gehen oder an Tbc sterben müssen. Dann wird, um noch ein Beispiel zu nennen, die Frage des Friedens aus der beschränkten Sicht des Ost-West-Konfliktes betrachtet, ohne zu berücksichtigen, wie sich das unaufhaltsame Wettrüsten oder der Waffenexport woanders auswirken und unsere Politik dort empfunden wird.

Eine Kirche und Gemeinde ist provinziell, wenn sie nicht alles tut, bei ihren Mitgliedern jede Form von Stammesdenken, Gruppenegoismus, nationaler, rassischer und kultureller Überheblichkeit zu überwinden. Sie ist ökumenisch, wenn sie das herrschende Einverständnis mit der wirtschaftlichen und politischen Vormachtstellung der reichen Länder über die armen durchbricht. Sonst macht sie sich zum Instrument staatlicher oder gesellschaftlicher Interessen, die sich mit einer gewissen Logik auf Wohlstand und Wachstum des eigenen Landes konzentrieren. Eine sich ökumenisch verstehende Kirche weiß sich dem Völkerrecht, dem Weltfrieden und einer neuen, gerechteren Weltwirtschaftsordnung verpflichtet. Sie macht sich zum Anwalt derer, die weltweit unter die Räder der eigennutzorientierten politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen unseres Landes geraten.

2. Eine ökumenische Gemeinde widersteht der Gefahr, als Kirche allgemeingültig und zeitlos zu sein

Manche Christen vertreten die Auffassung, die Kirche könne und müsse sich aus Zeit und Geschichte heraushalten. Sie habe eine ewige Wahrheit und einen immer gleich bleibenden Auftrag. Die Bibel bezeugt es aber anders. Sie sagt, daß die Menschheitsgeschichte in Wirklichkeit die Geschichte Gottes mit den Menschen ist, genauer: eine Geschichte aus menschlicher Verfehlung und göttlicher Zuwendung, aus Sünde und Gnade, aus Gericht und Neubeginn, eine Geschichte zwischen Schöpfung und Vollendung. Die Kirche lebt in dieser Geschichte und soll jeweils in ihrer Zeit mit ihrem Glauben und Gehorsam Jesus Christus bezeugen. Dabei lebt sie in der Gewißheit, daß Jesus Christus als der Lebendige gegenwärtig ist. Er war damals, aber er ist auch heute. Er begegnet der Kirche heute, er redet heute zu ihr, er ruft sie heute in seine Nachfolge. Das vollzieht sich nicht in einem besonderen Bereich, nicht in der „Seele“ und nicht im „Himmel“, sondern mitten in den Ereignissen der Zeit und Geschichte, in der die Kirche jeweils lebt.

In der ökumenischen Bewegung haben die Kirchen erkannt, daß es heute ganz besonders um eine große historische Herausforderung geht, in der sie Jesus Christus zu bezeugen haben: die weltweite Ungerechtigkeit, Hunger und Unterdrückung, in der Millionen von Menschen um ihr Leben kommen. Wenn diese bedrückenden Tatsachen immer wieder genannt und erörtert werden, dann soll das nicht heißen, daß es für Verkündigung und Praxis der Kirche keine anderen Themen und Inhalte mehr gebe. Das ist ja auch in der ökumenischen Bewegung nicht der Fall. Vielmehr drückt sich darin die Überzeugung aus, daß sich die Kirchen in dieser bestimmten historischen Situation mit einer unabweislichen Dringlichkeit und Priorität von Jesus Christus selbst vor diese Aufgaben gestellt sehen. Immer hat es für die Kirche ähnliche historische Herausforderungen gegeben, denken wir nur an die soziale Frage im 19. Jahrhundert oder die Frage des Sklavenhandels im 18. Jahrhundert. Meist hat die Kirche versagt. An der Hypothek trägt sie bis heute. Eine ökumenische Gemeinde möchte sich daran beteiligen, der historischen Berufung der Kirche in dieser Zeit zu entsprechen.

3. Eine ökumenische Gemeinde ist eine Jesus Christus bekennende Gemeinde

Eine ökumenische Gemeinde widersteht der Tendenz, aus falsch verstandener „Toleranz“ und im Geist scheinbar demokratischen Pluralismus‘ die Gestalt ihrer Botschaft in viele, sich gegenseitig bekämpfende Einzelmeinungen aufzulösen. Sie kann sich nicht damit abfinden, daß subjektive Willkür im Verständnis von Bibel und Glauben das Feld „beherrschen soll. Das Liebesgebot der Stunde heißt nicht, jedem „seinen“ Glauben zu glauben und zu belassen. Individualismus ist nicht die Summe reformatorischen Erbes, sondern die Wiederentdeckung des Christusbekenntnisses. Eine ökumenische Gemeinde nimmt von neuem die Frage nach dem Bekenntnis der Kirche auf. Das Bekenntnis hat in der Kirche seit alters die Funktion gehabt, in Glaubens- und Lebensfragen in einer bestimmten Zeit Klärungen und Entscheidungen herbeizuführen. Es war der oft beschwerliche Versuch der Kirche, auf der Basis eines gemeinsamen Bekenntnisses neue Einheit zu stiften. Dieser Versuch war zwar immer mit Abgrenzungen und damit schmerzlichen Brüchen verbunden, andererseits bedeutete er eine große Hilfe, wenn es darum ging, Klarheit und Eindeutigkeit über den eigenen Auftrag zu gewinnen. Keine Kirche kann ohne Bekenntnis leben und ihre Einheit bewahren. Unsere Kirche hat deshalb Bekenntnisse, die hoch geschätzt werden: das apostolische und das nizänische Glaubensbekenntnis, die Bekenntnisse der Reformation und die Theologische Erklärung von Barmen 1934. Sie sollen ein einigendes Band darstellen, tun dies in gewisser Weise auch, ohne aber – wie wir erleben müssen – wirklich einigend zu sein. Das ist nicht verwunderlich. Das Wesen eines Bekenntnisses ist gerade seine Aktualität. Mit dem Bekenntnis antwortet die Kirche in Klarheit und Eindeutigkeit auf eine bestimmte Herausforderung. Es hat seinen Sinn, Bekenntnisse von früher lebendig zu erhalten, aber sie können die Notwendigkeit neuen Bekennens in einer neuen Herausforderung nicht überflüssig machen.

Bekenntnisse lassen sich nicht „machen“. Die Erfahrung der Kirche ist: sie werden ihr geschenkt, wenn sie gehorsam ist und sich den Herausforderungen stellt. Dabei wird ihr auch eine unerwartete Einmütigkeit zuteil. Diese Erfahrung hat die Kirche in der Reformationszeit gemacht und auch während des Naziregimes. Sie macht sie heute im Zusammenhang der weltweiten ökumenischen Gemeinschaft. Die Weltmissionskonferenz von Melbourne ist ein Beispiel dafür. Über 500 Delegierte aus vielen Ländern der Welt, aus den unterschiedlichsten politischen Situationen und kulturellen Traditionen, mit sehr voneinander abweichenden Glaubenstraditionen, kamen im Mai 1980 in Melbourne zusammen, um unter dem Thema „Dein Reich komme“ zu einem gemeinsamen christlichen Zeugnis heute zu finden. Die Voraussetzungen dafür, daß sie sich einigen könnten, waren so begrenzt, wie es die Verschiedenheit der Delegierten erwarten ließ. Aber sie hatten besondere Gäste geladen: einen Bauern aus Guatemala, eine Industriearbeiterin aus Malaysia, Ureinwohner aus Australien usw. Sie repräsentierten keine Kirchen, sondern die weltweite Ungerechtigkeit mit ihren Folgen:

Hunger, Krankheit, Vertreibung, Ausbeutung, Unterdrückung und vielfacher Tod. Das Unerwartete geschah. Ungeachtet aller theologischen und ideologischen Unterschiede einigte sich die Konferenz auf klare und deutliche Aussagen. Sie nannte die Verhältnisse beim Wort, rief unüberhörbar zur Umkehr auf und bekannte sich in Vertrauen und Gehorsam zu Jesus Christus, dem alleinigen Herrn. Ähnliche Erfahrungen hat die Weltchristenheit bei ihren Vollversammlungen in Nairobi 1975 und in Vancouver 1983 gemacht.

Eine ökumenische Gemeinde weiß sich der ökumenischen Belegung und dem Ökumenischen Rat der Kirchen zugehörig. Sie ist überzeugt, daß der Weg der Ökumene auch ihr Weg ist. Sie dankt Gott für das in der Ökumene immer klarer und eindeutiger hervortretende Bekenntnis zu Jesus Christus unter den Bedingungen und Herausforderungen der Gegenwart. Sie sucht und empfängt in der Ökumene auch die Klarheit und Eindeutigkeit, die sie für ihr eigenes Reden und Tun braucht. Sie glaubt, daß auch bei uns nur über diesem neuen, aktuellen Bekennen die Einheit der Kirche wiedergewonnen wird.

EINE PROPHETISCHE GEMEINDE

Das „Prophetische“ gehört nicht zu den traditionellen Merkmalen der Kirche. Trotzdem hat es einen festen Platz in der Tradition der Kirche. Schon die Bezeichnung „Mose und die Propheten“ für die Schriften des Alten Testaments zeigt die Bedeutung der prophetischen Überlieferung für die ersten christlichen Gemeinden. Jesus stellt . sich selbst und seine Jünger in eine Linie mit den Propheten (vgl. Lukas 4,24 u. Matthäus 5,12). Die frühen Gemeinden kennen ein Prophetenamt, das sie z.T. dem Apostelamt gleichsetzen (vgl. Epheser 2,20). Später wird die Lehre von einem „prophetischen Amt“ Jesu entwickelt, das vor allem in seiner Verkündigung besteht.

Wenn wir heute „das Prophetische“ als Kennzeichen der Kirche aufgreifen, beziehen wir uns wieder mehr auf die Propheten des Alten Testaments. Wie wird die Kirche der Tatsache gerecht, daß sie eine so aufregende und explosive Überlieferung wie die prophetische zu ihren „Heiligen Schriften“ zählt? Um Mißverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht darum, die Propheten von damals heute zu kopieren. Zum Propheten wird einer oder eine von Gott berufen, in einer einmaligen Situation zu einem außergewöhnlichen, oft gewaltsam beendeten Leben. Eine prophetische Gemeinde will also keine Gemeinde von Propheten sein, wohl aber eine Gemeinde, die sich der prophetischen Tradition verpflichtet weiß. In der biblischen Überlieferung treten die Propheten zu dem Zeitpunkt auf, als Israel sich einen König gibt, weil es der Sachzwang einer zeitgemäßen staatlichen Ordnung zu erfordern scheint. Gegen die so entstehende Konzentration von Macht und ihren schnell einsetzenden Mißbrauch stehen die Propheten: Nathan gegenüber David (vgl. 2, Samuel 11 und 12), Elia gegenüber Ahab (vgl. l. Könige 21) oder Jeremia gegenüber Hof und Höflingen in Jerusalem (vgl. Jeremia 26 und folgende). Wie ein Stachel in der Selbstherrlichkeit der Macht begleiten die Propheten die politische Existenz Israels. Sie erinnern an Gottes Gebot und Gerechtigkeit, an das allen geltende Heilsversprechen Gottes, seit er Israel aus Ägypten befreit und einen Bund mit ihnen geschlossen hatte. Ihrem Wirken weiß sich eine prophetische Gemeinde in dreifacher Weise verbunden.

1. Eine prophetische Gemeinde widersteht der Versuchung der Anpassung an die jeweils herrschenden Interessen und Überzeugungen.

Sie ist wachsam gegenüber jeder Form von Macht und mischt sich ein, wenn Macht mißbraucht wird. Sie bleibt auf Distanz zu den Mächtigen, die Religion schon immer zur Legitimation ihrer Macht zu vereinnahmen suchten. Sie sieht in dieser Distanz gerade ihren Beitrag zum politischen Leben. Sie begleitet die Politik mit ihrer ständigen, an der prophetischen Überlieferung geschärften Machtkritik.

2. Eine prophetische Gemeinde widersteht der Versuchung der ausgewogenen, betulichen Neutralität, durch die sie nichts anrichtet, aber auch nichts ausrichtet.

„Weh euch, wenn euch alle Leute loben,“ warnt Jesus seine Jünger (Lukas 6,26). Eine prophetische Gemeinde ist parteilich. Sie steht auf der Seite der Opfer der Macht, der Armen und Unterdrückten, der Geringen und Übergangenen, der Diskriminierten und an den Rand Gedrängten. Für sie ist der Rand die Mitte. Im Gefolge prophetischer Überlieferung weist sie auf Werk und Wort Gottes. „Sie erinnert an Gottes Reich, Gottes Gebot und Gerechtigkeit“, wie es in der Barmer Theologischen Erklärung heißt.

3. Eine prophetische Gemeinde strebt nicht nach Macht und Erfolg. Mit ihrer Ohnmacht stellt sie die Macht der Mächtigen bloß.

Sie taktiert nicht und schüchtert niemanden ein. Sie will sich nicht durchsetzen. „Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt“ (5. Barmer These). Ihre Worte und Taten sind Zeichen, die auf Jesus Christus hinweisen sollen, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist.

Eine prophetische Gemeinde weiß, daß Propheten wenig Ansehen genossen und oft erst im Nachhinein recht behalten haben. Sie sind ins Leiden geraten und verfolgt worden. Vielen ist Gewalt angetan worden. Jesus und vielen, die ihm nachfolgten, erging es ebenso, bis heute. Eine prophetische Gemeinde weiß aber auch, daß solches Leiden neues Leben bewirkt, daß Heil und Segen für diese Welt oft von der Bereitschaft weniger Menschen abhängt, sich in Mitleidenschaft ziehen zu lassen. Sie weiß: wenn sie an und durch die Welt, wie sie ist, leidet, dann, weil die neue Welt Gottes sie schon erreicht hat und anfängt, ihr Leben zu bestimmen. Sie glaubt dem Wort Jesu:

„Freuen dürfen sich alle, die verfolgt werden, weil sie tun, was Gott verlangt, denn sie werden mit ihm in der neuen Welt leben“ (Matthäus 5,10).

EINE DIAKONISCHE GEMEINDE

Zu den traditionellen Merkmalen der Kirche wird ihre „Heiligkeit“ gerechnet. Damit will sich die Kirche nicht selbst „heilig sprechen“, sondern darauf hinweisen, daß sie unter dem Zuspruch und Anspruch Jesu Christi steht und stehen möchte, der ihre Rechtfertigung und Heiligung ist. „Durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbaren Dienst an seinen Geschöpfen“ (2. Barmer These). „Diakonie“ ist der Fachausdruck für diesen Dienst. Es ist der Dienst der Liebe, der sich an Jesu Wort und Werk orientiert: „Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich.euch“ (Johannes 20,21). Es ist der Dienst der Versöhnung der Welt, die in Jesus Christus schon ihren Anfang genommen hat: „Wir bitten für Christus: Lasset euch versöhnen mit Gott“ (2. Korinther 5,20). Aus Liebe und um der Versöhnung der Welt willen predigen, mahnen, warnen, protestieren und bitten wir. Aus Liebe und um der Versöhnung der Welt willen helfen, heilen, begleiten, kämpfen und verändern wir. Dabei sind vor allem drei Gesichtspunkte für eine diakonische Gemeinde wesentlich:

1. Eine diakonische Gemeinde weiß von der Zweideutigkeit alles Religiösen und der Problematik theologischer Systeme und dogmatischer Rechtgläubigkeit.

Sie weiß, daß Religion zum Paradies des ichbezogenen, sich dem Nächsten und der Welt entziehenden Menschen werden kann. Sie hält ihren Glauben nicht für eine Kuriosität oder das Hobby einiger wider Erwarten noch religiös veranlagter Menschen, sondern für eine Lebenspraxis, die alle Bereiche des Lebens durchdringt und meist ganz „weltliche“ Züge trägt. Wenn der Gottesdienst endet, ist ihr Gottesdienst nicht zuende. Sie lebt nicht für den Sonntag, sondern für den Alltag, nicht für das Jenseits, sondern das Diesseits, nicht in frommer Verschlossenheit, sondern in tätiger Entschlossenheit. Sie lebt auch nicht für die Theorie, sondern für die Praxis, ihr Glauben ist keine Sache des Kopfes, sondern des Herzens und der Hand. Ihre Wahrheit beruht nicht auf Doktrinen und Lehrsätzen, ihre Wahrheit ist der lebendige Jesus Christus, der unter ihr als der Herr gegenwärtig handelt (3. Barmer These) und ihr dorthin vorangeht, wo er ihren Dienst erwünscht.

2. Eine diakonische Gemeinde orientiert sich nicht an ihren eigenen Belangen.

Sie ordnet ihre Verhältnisse nicht nach ihrem institutionellen Interesse. Sie macht sich nicht zum Maß und Mittelpunkt ihres Lebens. Sie dient sich nicht selbst und sie bedient sich nicht. Sie weiß, daß auch sie gemeint ist, wenn Jesus sagt: „Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird es retten“ (Markus 8,35). Sie lebt und arbeitet nicht nur in der Kirche oder für die Kirche. Sie kann selbstvergessen mit anderen zusammenarbeiten. Sie schließt Bündnisse und achtet nicht auf ihr Prestige. Es geht ihr ja um einen freien, dankbaren Dienst an Gottes Geschöpfen, nicht um einen krampfhaften, tötenden Dienst, der ihre Unentbehrlichkeit beweisen, ihre Privilegien sichern oder eine, feinere Form von Herrschaft darstellen soll.

3. Eine diakonische Gemeinde stellt ihren Dienst in den Horizont des Reiches Gottes.

Weil sie dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus nachfolgt, ist ihr Dienst Zeichen und Zeugnis für die österliche Macht des neuen Lebens. Auch das Helfen und Heilen Jesu war viel mehr als die liebevolle Hinwendung eines guten Menschen zu den Armen und Kranken. Es war ein Hinweis auf die schon anbrechende neue Welt Gottes. Es bedeutete gleichzeitig die Verurteilung der Verhältnisse und Strukturen einer vergehenden Welt. Wie sonst hätten Petrus und Johannes, als sie einen Gelähmten heilten, für eine schlichte „gute Tat“ ins Gefängnis kommen können (Apostelgeschichte 3-5)? Christliche Diakonie ist etwas anderes als eine Form von „Sozialarbeit“, die mit Billigung und Förderung des Staates die Schandflecken .einer Gesellschaft, die peinlichen Folgen ihres Anteils an der Ungerechtigkeit beseitigen oder das Unerträgliche erträglicher machen soll. Eine diakonische Gemeinde wird sich davor bewahren, mit ihrem Dienst ungerechte Verhältnisse zu verklären, zu verschleiern oder zu stabilisieren. Sie weiß sich der Opfer eines Systems verbunden und verpflichtet und wird alles, auch das Geringste, tun, um ihnen zu helfen. Aber sie wird es sich dabei nicht nehmen lassen, für deren Recht und Würde einzutreten und auf eine „Wende“ zu verweisen, wo die Letzten die Ersten, und die Ersten die Letzten sein werden, wie es die Vaterunserbitte um das Reich Gottes meint. Gerade als diakonische Gemeinde wird die Gemeinde ihre ökumenische und prophetische Berufung nicht vergessen.

[Der Wetzkopp, Nr. 25, Mai 1983, Mayen]

Das ‚Ganze‘ verändern

Wenn es im Kapitalismus keine Alternativen gibt, brauchen wir Alternativen zum Kapitalismus.

Das Ökumenische Netz Rhein Mosel Saar e.V. hatte 2004 seine Mitglieder, befreundete Gruppen und Einzelpersonen eingeladen, an der Ausarbeitung einer Position zur gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Krise mitzuwirken. Während eines Jahres wurden intensive Diskussionen über das Positionspapier geführt. Rückmeldungen und Veränderungsvor-schläge wurden im AK Theologie und Politik des Ökumenischen Netzes diskutiert. Der aktuelle Text wurde dann von der Netzversammlung am 9. Juli 2005 verabschiedet.

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