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Paulus

Maifelder Gespräch 11.2026

„Wenn das Volk trauert“

Herbstgedanken zum Volkstrauertag

„Späte Zeit“ nennt Peter Huchel dieses ungewöhnliche Herbstgedicht. Es ist keins von den melancholischen Trauerliedern, die wir kennen. Huchel verfällt diesen Ideen nur am Anfang. Dann aber beschreibt er das, was in der Natur geschieht, mit Bildern, die uns fremd erscheinen. „Des Waldes Pulverbrand“, die „Eicheln wie Patronen“, der Herbst als Schütze, der „leise Schüsse übers Grab“ abgibt, die „Totenkronen“ – Bilder vor allem aus dem Arsenal von Kriegswerkzeug, mit dem Menschen Gewalt ausüben.

Still das Laub am Baum verklagt.
Einsam frieren Moos und Grund.
Über allen Jägern jagt
hoch im Wind ein fremder Hund.
Überall im nassen Sand
liegt des Waldes Pulverbrand,
Eicheln wie Patronen.
Herbst schoss seine Schüsse ab,
leise Schüsse übers Grab.
Horch, es rascheln Totenkronen,
Nebel ziehen und Dämonen.

Bernhard Wibben

Huchel beschreibt menschliche Gewaltausübung. Das Naturgeschehen wird so zum politischen Bild. Und das Gedicht wird zur Klage – über das Seufzen und Stöhnen. Und dazu hat es wahrhaft schon Anlass genug geben.

„Über allen Jägern jagt hoch im Wind ein fremder Hund.“ Mit diesem „fremden Hund“ meint der Dichter den Hund aus der vorchristlichen Sagenwelt, der für Unterwelt, Nacht und Tod steht oder einer der drei Höllenhunde ist.

1933 ist das Gedicht erschienen. Da hatte Hitler längst die ganze Macht ergriffen, hatte Hetzjagden auf Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Kommunisten, Juden und Christen und auf eigene Leute veranstaltet. Hitler, der Anstreicher, der sich als Werkzeug der Vorsehung ausgab und dessen Namen mit „H“ begann: „H“ wie „Hund“. Er soll Hunde mehr geliebt haben als Menschen.

Schon der Herbst 1933 war für politisch aufmerksame Menschen eine Zeit, in der sich schlimme Vorahnungen zu grausamen Gewissheiten steigerten. Es war eine „späte Zeit“ und Vorbote einer Endzeit, in der der Mensch selbst das Endgericht vollzieht. Wo „Nebel ziehen und Dämonen“, kann es keine ‚reinen‘, ‚unschuldigen‘ Naturbilder mehr geben. Unser eigenes Volk sah sich damals außerstande, die Nebel des Rassenwahns zu vertreiben und dem Dämon zu widerstehen. Mögen heute in anderen Gegenden „Nebel ziehen und Dämonen“, es bleibt für uns genug Anlass für einen ‚Volkstrauertag‘, auch nach 81 Jahren. Zum Glück hat er sich inzwischen von einem Tag des Gedenkens der Kriegstoten und Gewaltopfer aller Nationen und Religionen in den großen und kleinen Kriegen des 20. Jahrhunderts zu einem Tag der Bitte um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung entwickelt. Auch heute haben wir eine „späte Zeit“. Auch heute sterben Menschen in Kriegen. Auch heute sterben Menschen an menschengemachten Naturkatastrophen und Hungersnöten. Auch heute droht der Verfall der Demokratie.

Auch Paulus spricht die späte Zeit an – mit Worten, die ganz sicher zu den großen Menschenworten gehören: „Das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden…; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst … seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung.“

Paulus spricht von der Freiheit der Kinder Gottes, die auch dazu führen kann, dass das Seufzen und Stöhnen aus den Mündern zu hören sein wird, denen Menschen das Reden verboten haben. Und das, was unterdrückt wurde, wird beginnen, sich zu wehren, wie etwa die Natur sich zu wehren beginnt und uns die Vergänglichkeit demonstriert. Der Klimawandel ist nur ein Beispiel dafür.

Doch Paulus sieht das alles, er sieht die Welt mit anderen Augen. Ein tolles Bild: Die Welt – ein Kreißsaal. Die ganze Schöpfung in den Wehen, aber es gibt noch keine Betäubungsmittel. Mensch und Tier, Baum und Blume, Wasser und Wind stöhnen und ächzen und erwarten das nahe Ende, ein Ende, das allerdings der Anfang des Lebens ist. Und es sieht fast so aus, als würde Paulus mitstöhnen. Denn wer an Gott, wer an Christus glaubt, der stöhnt und leidet an und in dieser Welt. Er sehnt das Ende herbei, das neues Leben möglich macht. Die Geburt bedeutet das Ende der alten Welt und das ersehnte Kommen der neuen Zeit, die wir das Reich Gottes nennen.

Dieses Reich kommt, wenn Menschen solidarisch werden mit denen, die leiden, denn dann werden sie aufhören, ohne Rücksicht zu herrschen. Sie werden ihren Mitmenschen, werden der Mit-Kreatur und der Mit-Pflanzenwelt Raum geben und Leben gegen den Tod setzen. Und Verzweiflung wird sich umkehren in Hoffnung.

Diese Hoffnung ist nicht nur eine Hoffnung, die auf Erfüllung im Jenseits abzielt. Wir hoffen vor allem auch für diese Welt. Und wir hoffen mit Geduld, damit wir nicht wegen unserer überhasteten Aktionen noch mehr Unrecht schaffen. Es ist „späte Zeit“. Doch mit allen die sich einsetzen, und mit den Worten von Dietrich Bonhoeffer, der sich eingesetzt hat, hoffen und erwarten wir „in der Mitte der Nacht den Anfang eines neuen Tags“.

Bernhard Wibben

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Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

Jesaja 40,28

Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Römer 11,36